FR-Interview mit Ludger Wößmann: “Wir sind Wissenschaftler, nicht Politiker”

Man muss Ludger Wößman, Professor an der LMU und Mitarbeiter am CES und am ifo Institut in München sowie am Nationalen Bildungspanel (NEPS), dankbar sein. Für seine klaren und ehrlichen Worte. Dafür, dass er sich traut, seine wissenschaftlichen Erkenntnisse auch auszusprechen. Und dafür, dass er sich dabei eher wenig um die soziale (resp. politische Erwünschtheit) seiner Aussagen schert. Im Folgenden lesen Sie die schönsten Zitate aus einem Interview mit der Frankfurter Rundschau vom 12.11.2009 — das vollständige Interview gibt es hier.

FR: [Der Wissenschaftliche Beirat beim Bundeswirtschaftsministerium, dem Sie angehören,] fordert eine von Grund auf bessere Qualifikation der Kinder und Jugendlichen. Abi für alle?

Wößmann: Das ist natürlich illusorisch. Aber es gibt einen engen Zusammenhang zwischen dem individuellen Bildungsgrad und dem Erfolg am Arbeitsmarkt. Darum wäre mit Blick auf die Einkommensverteilung sehr viel erreicht, wenn im Schulsystem niemand mehr durchs Raster fällt. Da ist viel zu tun, wenn man bedenkt, dass heute sieben Prozent eines Jahrgangs ohne Schulabschluss, 15 Prozent ohne Berufsabschluss bleiben. Kein Jugendlicher mehr ohne Schul- und Berufsabschluss – das kann man doch als Ziel begreifen!

Aber ein Problem, das Sie im Gutachten ja auch benennen, ist doch, dass es immer noch vor allem die Kinder aus gutem Hause sind, die das Abitur machen…

Dabei gibt es viele Begabte aus bildungsfernen Schichten, die kein Abitur machen, obwohl sie das Potenzial hätten. Ziel muss sein, dass jedes Kind die Chance hat, sein volles Potenzial auszuschöpfen. Das gelingt uns leider nicht.

Der Beirat will dieses Problem auf eine Art lösen, die ihm kaum den Beifall der Konservativen einbringen wird.

Mag sein — aber wir sind Wissenschaftler, nicht Politiker. Die Mehrheit hat sich explizit dafür ausgesprochen, Kinder länger gemeinsam lernen zu lassen. Also nicht so früh — nach der vierten Klasse — auf verschiedene Schularten aufzuteilen. Mit diesem System stehen wir international ohnehin fast allein. Und es gibt zahlreiche wissenschaftliche Belege dafür, dass diese frühe Aufteilung es mit begünstigt, wenn sozial Schwache kaum höhere Bildungsabschlüsse erreichen.

Was muss der Staat tun, damit am Ende die Rendite stimmt?

Besonders groß ist die Rendite, wenn schon in Kindergarten und Grundschule angesetzt wird. Der Staat muss seine Bildungsinvestitionen anders verteilen als bisher. Was er bisher macht, ist quasi eine Umverteilung von unten nach oben. Die Kosten pro Schüler und Schuljahr sind in Hauptschule und Gymnasium zwar in etwa gleich, aber jemand, der studiert, bleibt ja viel länger im Bildungssystem als ein Hauptschüler, und seine Ausbildung kostet am Ende fast doppelt so viel Geld. Es gilt also, vor allem den sozial und ökonomisch schwächeren Schichten zu helfen, eine Qualifikation zu erreichen, die sie von den Leistungen des Sozialstaats unabhängig macht.

Sogar Privatschulen sind — mit der ökonomischen Brille betrachtet — gut für die bisherigen Bildungsverlierer. Warum?

Es geht um die private Trägerschaft. Die Niederlande machen das vor: Wenn öffentliche wie private Schulen vom Staat finanziert werden, fördert das den Wettbewerb um die besten Ideen. Das verbessert das Leistungsniveau des gesamten Systems. Davon profitieren vor allem die Kinder, die bisher keine Wahl zwischen privat und öffentlich haben. Das belegen Studien.

Strukturpolitische Fragen und Bildungsforschung

Zu grundsätzlichen strukturpolitischen Fragen, etwa der Empfehlung eines bestimmten Schulsystems, kann die Bildungsforschung keine Handlungsanweisungen geben

sagt Eckhard Klieme vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) in Frankfurt. Und irrt.

Was die Wissenschaft — und damit auch die Bildungsforschung — nicht beantworten kann sind Wertfragen. Die Bildungsforschung kann also nicht sagen, dass ein gerechtes Bildungssystem wünschenswerter ist, als ein ungerechtes. Das ist Aufgabe der Politik. Die Bildungsforschung kann aber ermitteln, welche Faktoren dazu beitragen, ein Bildungssystem gerechter zu machen. Und wenn bei solchen Analysen herauskommt, dass ein Bildungssystem gerechter wird, wenn man die Selektion der Schüler auf verschiedene Schulformen statt mit 10 z.B. mit 14 Jahren durchführen lässt, ist das eben ein Ergebnis, das ganz offensichtlich ein Strukturmerkmal eines Bildungssystems betrifft. Wenn dann den Politikern auch noch bekannt ist/wäre, dass ein längeres gemeinsames Lernen den intelligenten bzw. leistungsstarken Schülern nicht schaden muss, könnten diese ja — aufgrund ihrer Werthaltungen — diese wissenschaftlichen Erkenntnisse nutzen und das Bildungssystem entsprechend anpassen.